Wermut ist der Hauptbestandteil von Absinth - einem Getränk, das seit Jahrhunderten für seine mystische Wirkung und seinen Ruf als gefährliches Narkotikum bekannt ist. Doch ist Wermut wirklich giftig? Oder ist das nur ein Mythos, der aus der Vergangenheit überlebt hat? Die Antwort ist komplex, aber klar: Wermut ist nicht per se giftig - aber in großen Mengen oder mit falscher Zubereitung kann es gesundheitliche Risiken mit sich bringen.
Was ist Wermut?
Wermut (Artemisia absinthium) ist eine mehrjährige Pflanze mit silbrig-grünen Blättern und einem starken, bitteren Geruch. Sie wächst wild in Europa, Nordafrika und Teilen Asiens. Seit der Antike wird sie als Heilpflanze verwendet - zum Beispiel gegen Magenbeschwerden, Parasiten oder als Appetitanreger. Doch erst im 19. Jahrhundert wurde Wermut zum Schlüsselzutat von Absinth, einem hochprozentigen Likör, der damals in Frankreich, der Schweiz und Deutschland sehr populär war.
Der bittere Geschmack von Absinth kommt fast ausschließlich von Wermut. Daneben enthält er Anis, Fenchel und andere Kräuter. Aber es war nicht der Alkohol, der den Trunk berüchtigt machte - es war der Inhaltsstoff Thujon, der in Wermut vorkommt.
Was ist Thujon und warum ist es umstritten?
Thujon ist ein natürlicher ätherischer Ölbestandteil, der in Wermut, aber auch in Zypresse, Salbei und einigen anderen Pflanzen vorkommt. In hohen Dosen kann Thujon neurotoxisch wirken - das heißt, es kann das Nervensystem beeinflussen. In den 1800er Jahren glaubten Ärzte und Politiker, dass Absinth durch Thujon zu Halluzinationen, Krampfanfällen und sogar Wahnsinn führe. Deshalb wurde Absinth in vielen Ländern verboten - darunter auch in Deutschland 1923.
Doch moderne Forschung hat gezeigt: Die Menge an Thujon in traditionell hergestelltem Absinth war nie hoch genug, um toxisch zu wirken. Ein Mensch müsste mehr als 1 Liter reinen Absinth in kurzer Zeit trinken, um eine gefährliche Dosis Thujon aufzunehmen - und das wäre vorher durch Alkoholvergiftung unmöglich. Die meisten Fälle von „Absinth-Einwirkung“ waren in Wirklichkeit Folgen von Alkoholmissbrauch, schlechter Qualität oder kontaminierten Produkten.
Wie viel Thujon ist gefährlich?
Die Europäische Union hat strenge Grenzwerte für Thujon in Lebensmitteln und Getränken festgelegt:
- Maximal 10 mg/l Thujon in alkoholischen Getränken mit mehr als 25% Alkohol (wie Absinth)
- Maximal 5 mg/l in alkoholfreien Getränken oder Lebensmitteln
Diese Grenzwerte sind mehr als sicherheitsorientiert. Selbst bei der höchsten erlaubten Konzentration müsste man über 1 Liter Absinth in einer Stunde trinken, um eine akute Vergiftung zu riskieren. Eine einzelne Flasche Absinth enthält heute typischerweise nur 2-8 mg/l Thujon - weit unter der Grenze.
Die Toxizität von Thujon liegt bei etwa 100-200 mg pro Kilogramm Körpergewicht. Das bedeutet: Ein 70 kg schwerer Mensch müsste 7-14 Gramm reines Thujon aufnehmen, um eine akute Vergiftung zu erleiden. Eine Flasche Absinth enthält etwa 0,01 Gramm Thujon. Es ist also unmöglich, Thujon durch normales Trinken zu vergiften.
Was passiert bei Überdosierung?
Wenn jemand extrem hohe Mengen an Wermut oder konzentriertem Thujon einnimmt - etwa durch das Trinken von Wermut-Tinkturen, Kräuterextrakten oder unregulierten Absinth-Varianten -, können folgende Symptome auftreten:
- Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen
- Verwirrtheit, Halluzinationen
- Muskelkrämpfe, Anfälle
- Herzrhythmusstörungen
- In extrem seltenen Fällen: Bewusstlosigkeit oder Atemversagen
Doch solche Fälle sind extrem selten. Sie treten fast ausschließlich bei Menschen auf, die selbstgemachte Tinkturen trinken, Kräuter als Medizin missbrauchen oder illegale, nicht kontrollierte Produkte konsumieren. In Deutschland und der EU sind alle kommerziell erhältlichen Absinth-Produkte streng kontrolliert und sicher.
Wermut in der Küche und als Heilmittel
Wermut wird heute nicht nur in Absinth verwendet. In der traditionellen Medizin und der Küche findet es noch immer Anwendung:
- Als Bitterstoff in Digestifs oder Aperitifs
- In Bittertinkturen zur Unterstützung der Verdauung
- Als Tee bei Magen-Darm-Beschwerden (in sehr geringen Mengen)
Ein Teelöffel getrocknetes Wermutkraut in 250 ml heißem Wasser - das ist eine übliche Dosierung. Selbst bei dieser Menge liegt die Thujonmenge unter 0,1 mg. Keine Gefahr. Aber: Wer Schwangerschaft, Lebererkrankungen oder Epilepsie hat, sollte Wermut als Tee oder Tinktur vermeiden. Auch bei Kindern und älteren Menschen ist Vorsicht geboten.
Wermut ist kein „Gift“, aber auch kein Nahrungsmittel. Es ist ein Kräuterstoff - und wie alle Kräuter: Die Dosis macht das Gift. In der richtigen Menge harmlos. In der falschen Menge riskant.
Warum wurde Absinth verboten - und warum ist er heute wieder erlaubt?
Das Verbot von Absinth in den 1910er und 1920er Jahren war weniger ein Gesundheitsakt als ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Akt. Die Weinindustrie sah in Absinth als billigen Konkurrenten eine Bedrohung. Zeitungen schrieben von „Absinth-Wahnsinn“ und machten ihn zum Sündenbock für Armut, Kriminalität und Alkoholismus.
Erst in den 1990er Jahren, nach neuen wissenschaftlichen Studien, wurde das Verbot in Europa aufgehoben. Deutschland erlaubte Absinth wieder 1997. Heute gibt es in der EU über 100 verschiedene Absinth-Marken, alle mit kontrollierten Thujongehalten. In den USA wurde Absinth 2007 legalisiert - ebenfalls mit strengen Grenzwerten.
Was ist heute sicher?
Wenn du Absinth in einer regulären Flasche aus einem Supermarkt, einem Spirituosengeschäft oder einem anerkannten Hersteller kaufst - dann ist er sicher. Die Etiketten zeigen den Thujongehalt. Die Hersteller müssen die Werte nachweisen. Es gibt keine „geheimen“ oder „echten“ Absinths mit hohem Thujon - das ist heute illegal.
Wermut als Pflanze zu sammeln und zu kochen oder zu trinken, ist dagegen riskant. Die Konzentration variiert stark je nach Jahreszeit, Standort und Zubereitung. Wer Wermut als Heilmittel nutzen möchte, sollte nur fertige, zertifizierte Produkte aus Apotheken oder Fachhandel verwenden.
Fazit: Ist Wermut giftig?
Nein, Wermut ist nicht giftig - wenn es in üblichen Mengen konsumiert wird. Absinth, wie er heute verkauft wird, ist sicher. Die Angst vor Thujon ist ein Mythos, der aus falschen Daten und Propaganda entstand. Wermut ist bitter, stark, komplex - aber nicht tödlich. Wer es mit Respekt behandelt, hat nichts zu befürchten.
Die echte Gefahr liegt nicht im Wermut - sondern im Übermaß. Wie bei allem, was stark ist: Maß halten. Und wenn du unsicher bist: Frage einen Apotheker oder Arzt. Besser vorsichtig als riskant.
Ist Wermut in Absinth heute noch gefährlich?
Nein. Moderne Absinth-Produkte enthalten höchstens 10 mg Thujon pro Liter - das ist gesetzlich geregelt und weit unter der Grenze, die gesundheitliche Risiken verursachen könnte. Du müsstest mehr als einen Liter auf einmal trinken, um eine Vergiftung zu riskieren - und das wäre durch den Alkohol vorher unmöglich.
Kann man Wermuttee trinken, ohne sich zu vergiften?
Ja, aber nur in sehr geringen Mengen. Ein Teelöffel getrocknetes Wermutkraut in 250 ml Wasser enthält nur Bruchteile von Milligramm Thujon - völlig unbedenklich. Doch längerfristige oder hohe Dosen (z.B. mehrere Tassen täglich) sollten vermieden werden, besonders bei Schwangeren, Kindern oder Menschen mit Leberproblemen.
Warum wurde Absinth verboten, wenn es doch nicht giftig ist?
Absinth wurde vor allem aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen verboten - nicht wegen wissenschaftlicher Beweise. Die Weinindustrie fürchtete Konkurrenz, und die Medien machten Absinth zum Sündenbock für Alkoholismus und soziale Probleme. Erst nach neuen Studien in den 1990er Jahren wurde das Verbot aufgehoben.
Gibt es noch illegale Absinth-Produkte?
Ja - aber nur im Schwarzmarkt oder bei privaten Destillaten. In Deutschland und der EU ist jeder kommerziell verkaufte Absinth gesetzlich kontrolliert. Produkte, die „echt“ oder „traditionell“ mit hohem Thujon werben, sind illegal. Kaufe nur von vertrauenswürdigen Herstellern mit Etikett und Zulassungsnummer.
Kann Wermut als Heilmittel verwendet werden?
Ja, aber nur in zertifizierten, dosierten Formen - etwa als Apotheken-Tinktur. Selbstgemachte Aufgüsse oder Extrakte sind unkontrolliert und können zu unerwarteten Wirkungen führen. Nutze Wermut nur, wenn du weißt, was du tust - und sprich vorher mit einem Arzt.
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